Pfarrgeschichte

Abriss der Pfarrgeschichte und Auszug aus der Pfarrchronik von Dr. Peter Soukup
Dieser Text wurde im Jahr 1990 verfasst und stellt die damalige Situation dar.

Das Gebiet des heutigen Donaufeld war schon - wie zahlreiche Funde beweisen - in der prähistorischen Zeit von Menschen besiedelt. In historischer Zeit zogen viele Völkerschaften, wie Illyrer, Kelten, Hunnen über das Gemeindegebiet, ohne sich jedoch sesshaft niederzulassen. Auch in den folgenden Jahrhunderten des Mittelalters und der Neuzeit kam es zu keiner Siedlungsgründung auf Donaufelder Boden.

Eine Siedlungstätigkeit im heutigen Sinne erfolgte erst in der zweiten Mitte des 19. Jahrhunderts. Das erste Wohngebäude auf unserem Siedlungsraum wurde im Jahre 1829 am Mühlschüttel an der Donau errichtet. Wo die heutige Fultonstraße den Freiligrathplatz kreuzt, hatten die englischen Schiffbauer John Andrews und Joseph Pritchard zuerst einen Werkschuppen, später ein Wohngebäude errichten lassen. Nach Einstellung des Dampfschiffbaues wurde das Haus aus dem Jahre 1838 in ein Wohnhaus umgestaltet. Zu dieser Zeit gehörte freilich der Grund und Boden an den Schüttelauen zur Gemeinde Leopoldau. Als sich jedoch am Mühlschüttelarm immer mehr Leute, vor allem Besitzer von Schiffmühlen niederließen, nannte man die gesamte Gegend zwischen dem Hauptarm der Donau und dem Seitenarm, der unweit der großen Taborbrücke etwa in Höhe des heutigen Wasserparkes abzweigte, das Mühlschüttel.

Ab dem Jahre 1860 war etwas weiter nördlich, nachdem der Besitzer eines Meierhofes aus Floridsdorf, Josef Wernhart, die "Alten Krautgärten" dem Stift Klosterneuburg abgekauft hatte, an der heutigen Leopoldauer Straße ein neues Wohngebiet entstanden. Die Häuser wurden Leopoldau zugezählt und erhielten die Bezeichnung "Neu-Leopoldau". Für die beiden neuen Gebiete Neu-Leopoldau und Mühlschüttel gab es keine eigene Gemeinde und auch keine Pfarre. Beide Orte gehörten zur Pfarre Leopoldau. Im Jahre 1863 wurden in der heutigen Patrizigasse bereits 30 Häuser gezählt. Am Mühlschüttel waren es bereits 84 Häusernummern, die man im Jahre 1870 erfaßte. Die Volkszählung im gleichen Jahr brachte folgendes zu Tage: in Neu-Leopoldau lebten 1267 Menschen und am Mühlschüttel 819. (Alt-Leopoldau hatte zu diesem Zeitpunkt nur noch 891 Einwohner). 6 Jahre später hatte Neu-Leopoldau bereits 2918 und Mühlschüttel 2461 Bewohner.

Die Ergebnisse der beiden Volkszählungen führten dazu, dass es im Jahre 1880/81 zur Abtrennung der neuen Siedlungsgebiete von der Gemeinde Leopoldau kam. Am 16. Jänner 1881 kam zum ersten Mal die Vertretung der neuen Gemeinde ,,Neu-Leopoldau und Mühlschüttel" im Haus Hoßplatz 12 zusammen (damals Bismarckplatz 4). Um eine Verwechslung der neuen Gemeinde mit dem alten Leopoldau zu vermeiden, ersuchte der neue Bügermeister von Leopoldau, Josef Baumann, die junge Gemeinde umzubenennen Die Idee wurde vom Gemeinderat aufgegriffen und mit Bewilligung durch den Statthalter Graf Kielmansegg in ,,Donaufeld" umbenannt. Das war im Jahr 1886. Zu diesem Zeitpunkt gab es bereits ein festes Straßennetz in Donaufeld: die Bahngasse, die Schulgasse, die Kaiserin-Elisabeth-Straße, den Bismarckplatz. Der Ort Mühlschüttel war nach Zuschüttung des Donauarmes, auf dem heute die Kirche St. Leopold steht, mit dem übrigen Donaufeld fest verbunden. Ab dem Jahr 1885 gab es das Volksschulgebäude am Kinzerplatz 9, sowie einige Jahre später eine zweite Schule, die "Stephanie-Schule", in der Andreas-Hofer-Straße. Nach dem Donaudurchstich am 14. April 1875 wurde das bisherige Stromnetz der Donau südlich vom Mühlschüttel zu einem stehenden Gewässer (seitdem der Name "Alte Donau"). Die Schiffsmühlen mußten sich notgedrungen zurückziehen, sie siedelten sich in der Krieau und in der "Schwarzlackenau" an.

In dieser Zeit wurde die neue niederösterreichische Ortschaft Donaufeld pfarrmäßig von der Pfarre St. Jakob in Floridsdorf versorgt.

Pläne für einen eigenen Kirchenbau bestanden zu dieser Zeit noch nicht. Es wurde allerdings überlegt, die St. Jakobskirche in Floridsdorf zu vergrößern, damit sie leichter die neuen Gemeindemitglieder aufnehmen kann.

In der Zwischenzeit hatten sich zahlreiche Industriebetriebe in Donaufeld und in den übrigen Gemeinden nördlich der Donau, vor allem in Floridsdorf und Neu-Jedlersdorf angesiedelt, sodass schließlich auf Wunsch der Gemeinden Floridsdorf, Jedlesee, Donaufeld und Neu-Jedlersdorf die Großgemeinde Floridsdorf gebildet wurde (Gesetz vom 8. Mai 1894).

Eine Statistik aus dem Jahr 1894 liest sich folgendermaßen:
Floridsdorf: 1,29 km2, 234 Häuser, 8566 Einwohner,
Donaufeld: 2,75 km2, 550 Häuser, 14536 Einwohner.

Wiederum wurde der Wunsch nach einer neuen Pfarrkirche St. Jakob laut. Aber es sollte ganz anders kommen, denn der Statthalter von Niederösterreich, Erich Graf von Kielmansegg, hatte hochfliegende Pläne mit der neuen Großgemeinde im Sinn: er wollte Floridsdorf zur Hauptstadt von Niederösterreich machen.

 

Eine ,,Kathedrale" für Floridsdorf

Am 6. November 1892 hielt der Statthalter von Niederösterreich im Floridsdorfer Rathaus eine denkwürdige Rede. ,,Ich hatte," - so liest man in seinen hinterlassenen Aufzeichnungen - «bald nach der Vereinigung der Vororte mit Wien . . . vorgedacht, Niederösterreich eine neue Landeshauptstadt zu schaffen. Dafür konnten nur die an der Donau Wien gegenüberliegenden Gemeinden Floridsdorf, Donaufeld und Jedlesee, bis dahin noch Dörfer und Industrieorte, in Betracht kommen. Es musste sich mir zunächst darum handeln, diesen Gemeinden städtischen Charakter und Ansehen zu geben. dass dies im Interesse der Bewohner des linken Donauufers gelegen sei, führte ich deren Vertretern in einer im Floridsdorfer Rathaus abgehaltenen Versammlung vor Augen. Ich fand Beifall und Verständnis und beauftragte den dortigen Bezirkshauptmann Leo Graf von Kuenburg, Verhandlungen mit den genannten Gemeinden wegen ihrer Vereinigung offiziell einzuleiten ...".

Im Jahr 1893 wurde der Kirchenplaner und Architekt Baurat Franz Ritter von Neumann beauftragt, einen Plan einer einfachen Kirche für das Gebiet von Donaufeld zu erstellen. Der Zusammenschluss der transdanubischen Gemeinden mit der Großgemeinde Floridsdorf machte allerdings dieses Vorhaben zunichte, hatte man doch in der Zwischenzeit mit Floridsdorf noch viel größeres vor die neue Landeshauptstadt sollte Bischofssitz werden und aus diesem Grunde auch eine Bischofskirche - einen Dom - bekommen.

In einem Forderungskatalog der Gemeinden, deren nominelle Vereinigung am 8. Mai 1894 voranging, waren u.a. folgende Punkte enthalten: Errichtung einer politischen Behörde in Floridsdorf, weiters eines Bezirksgerichtes und einer Finanzbezirksdirektion, eines Spitales mit Öffentlichkeitsrecht, Erhebung zur Stadt, Verlegung einer Garnison in die Großgemeinde, Errichtung eines Zentralfriedhofes, eine ausbaufähige Infrastruktur (... Straßen und Brückenprojekte, sowie die Kanalisierung der neuen Großgemeinde usw.). Der letzte der 29 Punkte lautete: ,,Die Vereinigung mit Wien ist nicht wünschenswert".

Ritter Neumann wurde vom Stift Klosterneuburg, dem Patron der Kirche, beauftragt, einen Kirchengroßbau in Donaufeld zu entwerfen. Der allererste Entwurf enthielt noch zwei Türme, einen Kathedralbau als Bischofssitz. Man kam jedoch von der Idee des Bischofssitzes wiederum ab und die Kirche wurde umgeplant. Das Gotteshaus sollte einen Turm mit einer Höhe von über 100 Metern haben.

Inzwischen tat sich in der Politik wesentliches. Alle Forderungen der Floridsdorfer, des niederösterreichischen Landtages und auch des Kaisers, die Ideen und Pläne des Statthalters zu verwirklichen, schienen in greifbare Nähe zu rücken. Äußerst optimistisch schritten die Floridsdorfer Bürger im Juli 1896 zum ersten Mal zur Wahlurne. Das Ergebnis war für viele enttäuschend. Die klerikale Christlich-soziale Partei siegte im dritten und zweiten Wahlkörper, die Liberalen im ersten Wahlkörper. Bürgermeister, Vizebürgermeister und der Gemeindevorstand kamen aus der christlich-sozialen Partei. Die Sozialdemokraten waren im neuen Gemeinderat nicht vertreten, erhielten aber gerade aus diesem Umstand immer größere Unterstützung. Um einen Einzug in den Gemeinderat zu verhindern, wurde daraufhin von christlich-sozialer Seite der Antrag gestellt, Floridsdorf der Gemeinde Wien einzuverleiben.

Was nun folgte, war höhere Politik. Am 8. November 1904 beschloss der Gemeinderat der k.u.k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien die Vereinigung von Floridsdorf mit Wien. Der sozialdemokratische ,,Volksbote" schrieb am 17. November 1904: ,,Der Kuhhandel ist also gelungen, Floridsdorf ist auf Gnade und Ungnade dem Lueger ausgeliefert. Mit nur einer Gegenstimme unseres Abgeordneten Seitz hat der niederösterreichische Landtag am 12. November 1904 der Einverleibung Floridsdorfs und der umliegenden Gemeinden zugestimmt."

Damit war der Traum von einer niederösterreichischen Landeshauptstadt ausgeträumt und der "Dom von Floridsdorf", derzeit noch im Planungsstadium, wurde zu einer Kirche von Wien. Aus diesem Grunde wurde wieder einmal umgeplant und zwar wurde die Turmhöhe auf 96 m zurückgenommen, damit nicht die Donaufelder Kirche die von Kaiser Franz Josef 1. gestiftete Votivkirche überrage. Weiters wurde das Bauwerk etwas vereinfacht, ein Dachturm aus der Planung entfernt und diverser Zierrat der Seiteneingänge etwas schlichter gestaltet. Nicht zuletzt wurde diese Umplanung aus finanziellen Gründen vorgenommen. Es gab nämlich keinerlei öffentliche Unterstützung für den Kirchenbau, die gesamte finanzielle Last musste vom Stift Klosterneuburg getragen werden. Der Kostenvoranschlag lautete weit über 1 Million Goldkronen.

 

St. Leopold zu Donaufeld

Baurat Franz Ritter von Neumann war ein Vertreter des Historismus, einer Stilform, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts entstand. Der Historismus idealisierte die Stilelemente des Mittelalters und wurde vor allem bei monumentalen Bauten und Kirchenbauten der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts verwendet. Seinen Ausdruck findet er im sogenannten "neugotischen Stil". Dieser neugotische Stil erhielt jedoch gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch noch weitere mittelalterliche Stilelemente dazu, vor allem ,,neuromanische". Die Donaufelder Kirche ist ein gutes Beispiel des Nebeneinander von neuromanischen und neugotischen Formen, die sich dank des Kunstverständnisses Ritter von Neumanns in kongenialer Weise in dem mächtigen Ziegelbau am Kinzerplatz ergänzen.

St. Leopold stellt sich nach außen als mächtiger Backsteinbau aus lichten und dunklen Ziegeln dar. Nur der geringste Teil des gesamten Kirchenbaues besteht aus hartem Stein. Die Donaufelder Pfarrkirche ist eine dreischiffige Hallenkirche, in je 5 Joche gegliedert, zum Unterschied von mittelalterlichen gotischen Kirchen. Der neugotische Bau ist so angelegt, dass alle drei Hallen gleich hoch sind, die durch Rundpfeiler voneinander getrennt werden. Der Bau eines Lettners war nicht vorgesehen. Das dreischiffige Langhaus mündet in einen einschiffigen Chor mit drei Ecken mit 5/10 Schluss. Der fast 80 m lange Kirchenraum ist ganz genau geostet, d.h. das Licht der aufgehenden Sonne fällt am Geburtstag des hl. Leopold über den Hauptaltar in den Kirchenraum und trifft in der Folge die Empore mit der Orgel. Es gibt kein Querhaus in Kreuzesform wie bei mittelalterlichen Kathedralen, es wurde absichtlich aufgegeben. Dadurch entsteht ein Raumeindruck, der die Himmelsrichtung Ost-West stark betont.

Zum Unterschied von mittelalterlichen Kirchen haben die Rippen des Netzrippengewölbes keine tragende Funktion und sind nur Stilelemente, der Schub des Gewölbes wird durch eigens angelegte Strebepfeiler an der Außenseite der Kirche abgefangen.

Die Donaufelder Kirche ist 35 m breit, die lichte Höhe des Gewölbes beträgt 18 m, der Turm ist, wie erwähnt, 96 m hoch und neben St. Stephan und der Votivkirche der dritthöchste Kirchenturm. Neben St. Stephan und der Kirche Am Hof ist St. Leopold die drittgrößte Kirche der Bundeshauptstadt.

St. Leopold fasst laut amtlichen Protokollen zwischen 4800 und 5000 Menschen. Da aber noch eine etwa 20% hohe Notfallskapazität an Ausgängen gegeben sein muss, wurden nach der Baufertigstellung an der Süd- und Nordseite der Kirche Notausgänge eingebaut, um im Notfalle ein rasches Verlassen des Kirchenraumes zu ermöglichen.

Der grandiose Architekt des Floridsdorfer Kirchenbaues - von ihm stammt auch der wunderschöne Kirchenbau der Pfarrkirche St. Anton von Padua in Favoriten aus der Zeit von 1896 bis 1900 erlebte den Bau von St. Leopold nicht mehr. Er starb noch vor der Grundsteinlegung der Kirche. Der effektive Bau der Kirche wurde von seinen langjährigen Mitarbeitern, den Architekten Karl Troll und Johann Stoppel streng nach seinen Plänen durchgeführt. Der Kirchenbau wurde widmungs- und wunschgemäß auf dem zugeschütteten Mühlschüttelarm der Donau errichtet. Zu diesem Zwecke mussten tausende Lärchenpfähle in den Boden getrieben werden. Diese schwierigen Baumeisterarbeiten führte der k.u.k. Hofbaumeister Josef Schmalzhofer aus, unterstützt von seinem Geschäftsführer Stadtbaumeister Anton Schöfter und dem Hauptpolier Anton Straka. Einmalig im Wien des 20. Jahrhunderts ist der 20 m hohe und 31 m breite Dachstuhl. Er ist ein Meisterwerk der Zimmermeister Johann Österreicher und David Brunner.

Bei der Donaufelder Kirche handelt es sich um den seltenen Glücksfall, dass der Kirchenbau in seiner ursprünglichen Einrichtung bis zum heutigen Tage fast unverändert geblieben ist. Nur die ehemaligen reich bebilderten Kirchenfenster fielen den Einwirkungen des zweiten Weltkrieges zum Opfer. Die letzten Reste der originalen Kirchenfensterausstattung sind die mittleren Apsisfenster mit der Darstellung des Hl. Leopolds und seiner Gattin Agnes. Diese Fenster waren ursprünglich an der linken Seitenwand angebracht und wurden nach dem Kriege in die Apsismitte versetzt. Die übrigen Presbyteriumfenster stammen aus dem Jahr 1954 und zeigen die Symbole der Sakramente. Die heutige Ausstattung des Langhauses mit Buntglasscheiben stammt von der Renovierung der Fenster im Jahr 1964.

Die einheitliche Inneneinrichtung der Kirche zeigt sich vor allem in den gleichen Holzschnitzereien der Sitzreihen sowie der Sakristeieinrichtung. Einheitlich sind auch die gleichen Halbkugelformen aus denen der Deckel des Taufbeckens, der Schalldeckel der Kanzel sowie die Füße der Leuchter, des Speisekelches und der Monstranz zusammengesetzt sind. Die ornamentalen Muster kehren an den Wänden und Messgewändern wieder. Eines der schönsten Messgewänder im reinsten Jugendstil befindet sich leider nicht mehr in der Kirche, sondern wird in der Schatzkammer des Stiftes Klosterneuburg aufbewahrt.

Beachtenswert sind auch die Holzkassettendecken in der Sakristei sowie in der ehemaligen Taufkapelle, die seit 1962 die Funktion einer Wochentagskapelle hat.

Im Jahr 1966 wurde entsprechend den liturgischen Vorschriften des 2. Vatikanischen Konzils ein Volksaltar errichtet und am 19. März 1966 feierlich eingeweiht. Dieser befindet sich jetzt in der Wochentagskapelle Der Volksaltar wurde 1985 aus einer originalen Kirchenkredenz adaptiert und beinhaltet Reliquien des heiligen Leopold.

Die bereits im Jahr 1962 für den Wochentagsgottesdienst eingerichtete frühere Taufkapelle wurde im November 1985 neuerlich umgestaltet, und zwar in der Weise, dass die Bänke nun halbkreisförmig angeordnet sind und ein Tabernakel links vom Grundstein in die Wand versenkt wurde- Weiters wurde die Zelebrationsrichtung um 90 Grad gegen die Außenfront gedreht.

 

Grundsteinlegung und Weihe der Kirche

Die feierliche Grundsteinlegung war eines der spektakulärsten Ereignisse des jungen 20. Jahrhunderts in Floridsdorf. Schon am Morgen des Festtages hatten sich viele Schaulustige entlang der Strecke die der Zug der kaiserlichen Gäste, an der Spitze Kaiser Franz Josef I. mit dem Bürgermeister von Wien, Dr. Karl Lueger, über die Kaiser-Franz-Josefs-Brücke nehmen würde, angesammelt. Auf dem zugeschütteten Donauarm, der der Standort für die neue Kirche sein sollte, hatten sich ebenfalls schon viele Schaulustige eingefunden. Schon am Tag zuvor hatte man Festzelte aufgestellt und den Platz feierlich mit Fahnen und Stangen geschmückt.

Schließlich kam die Stunde des Empfanges der hohen Herren. Viele der Anwesenden, vor allem die geladenen Gäste, besaßen Einladungen mit dem genauen Verzeichnis der Route, die die Wagen des Kaiserhauses, des Bürgermeisters und des Propstes des Stiftes Klosterneuburg nehmen würden. Zahlreiche Fotografen hatten sich eingefunden, die mit ihren riesengroßen Apparaten in vorderster Linie Aufstellung genommen hatten, um die Bilder vom denkwürdigen Ereignis für die Nachwelt abzulichten. Der Tag war herrlich, es herrschte richtiges Kaiserwetter. Die feierliche Grundsteinlegung begann pünktlich um 10 Uhr vormittags. Neben Kaiser Franz Josef I. und dem Bürgermeister von Wien, Dr. Karl Lueger, sah man unter anderem folgende Festgäste: den Statthalter von Niederösterreich, Geheimrat Erich Graf Kielmansegg, den Minister für Kultus und Unterricht, Geheimrat Wilhelm Ritter von Hand, Vizebürgermeister Dr. Josef Neumayer. Polizeipräsident Johann Ritter von Habrda, den Vizebaudirektor Rudolf Helmreich. den Flügeladjudanten Oberst Fürst Dietrichstein, den Geheimen Rat Alfred Fürst von Montenuovo, den Generaladjunkten General der Kavallerie Eduard Graf Paar, den Architekten Anton Troll, Erzherzog Friedrich, den Prof. Dr. Josef Lhotzky aus Klosterneuburg, den Stiftsdechant Alexander Czernohorsky aus Klosterneuburg, Erzherzog Leopold Salvator, den Prof. Dr Rudolf Schönsteiner aus Klosterneuburg, sowie den Pfarrer von St. Florian, Pater Johann Mechtler und den Probst von Klosterneuburg, Bernhard Johannes Peitl. Die musikalische Gestaltung der Feier oblag der noch heute bestehenden Floridsdorfer Chorvereinigung "Harmonie 1865".

Der Grundstein wurde in der zukünftigen Apsis vor dem Hauptaltar links eingemauert. Ihm wurde folgende Urkunde beigegeben, die nachstehend auszugsweise wiedergegeben wird: ,,Im Jahre des Heiles 1905, dem 2. Jahr des Pontifikates seiner Heiligkeit des Papstes Pius X., dem 57. Jahre der glorreichen Regierung seiner k.u.k. Apostolischen Majestät Franz Josef I., Kaiser von Österreich und König von Ungarn etc. wurde heute an dieser Stelle der Grundstein zur St. Leopoldskirche zu Floridsdorf in feierlicher Weise gelegt".

Die Erbauung einer neuen Kirche, für die mit der Stadt Wien vereinigte Gemeinde Floridsdorf, war schon längere Zeit mit Rücksicht auf die Ausdehnung des Ortes und den Zuwachs der Bevölkerung ein notwendiges Erfordernis, um den Bewohnern desselben die Möglichkeit zu bieten, ihren Pflichten als Katholiken gerecht zu werden. Das Chorherrenstift Klosterneuburg hat in Anerkennung der Dringlichkeit dieses Kirchenbaues sich entschlossen, denselben nach den Plänen des verstorbenen Architekten Franz Ritter von Neumann aus eigenen Mitteln durchzuführen. Die Architekten Karl Troll und Johann Stoppel welche unter der Leitung des Franz Ritter von Neumann an der Herstellung der Pläne mitbeteiligt waren, übernahmen nach dessen Tod die Leitung des Baues. Mit der Ausführung der Baumeisterarbeiten wurde der k u. k Hofbaumeister Josef Schmalzhofer betraut.

Heute legen wir zu diesem Baue, welchen wir mit Gottes Hilfe glücklich zu vollenden gedenken, den Grundstein. Alles Gott zur Ehre und unserem Landespatron, dem heiligen Leopold, der seine schirmende Hand über unserem geliebten Kaiser und unserem Vaterlande schützend und helfend halten möge. Geschehen am 6. Juni 1905, im dritten Jahre meines Amtes als Probst des Stiftes Klosterneuburg. Urkund dessen meine Unterschrift und das beigedrückte Siegel Bernhard Peitl, Probst".

Es folgt dann noch die Unterschrift seiner Majestät des Kaisers und die Unterschriften der Ehrengäste und des Festkommitees.

Das Stift gab für die neue Kirche 1,3 Millionen Kronen aus- Darin sind auch 140.000 Kronen vom Fonds der Kapelle zum heiligen Johannes von Nepomuk in Zwischenbrücken enthalten. Diese Kapelle mußte wegen der Donauregulierung zwischen 1870 und 1875 abgetragen werden. Die neue Tochterkirche von Klosterneuburg wurde am 8. Juni 1914 feierlich geweiht. Die Bauarbeiten waren flott und planmäßig vorangegangen und termingemäß war am 4. April 1914 beim Vorstand des Kirchenbauvereines die Mitteilung des fürsterzbischöflichen Ordinariates eingelangt, dass «die Statthalterei die Teilung der Pfarrbezirke zu St. Jakob in Floridsdorf und damit die Errichtung einer neuen Pfarre mit der neugebauten Kirche St. Leopold genehmige."

Der Weihevorgang war nicht mehr so spektakulär wie die Grundsteinlegung. Vom Kaiserhaus nahm an der feierlichen Konsekration Erzherzog Peter Ferdinand teil. Die feierliche Weihe erfolgte durch den Fürsterzbischof von Wien, Dr. Friedrich Kardinal Piffl. Der Schlussstein wurde gegenüber dem Grundstein in der Apsis vor dem Hauptaltar auf der rechten Seite in die Wand versenkt und mit einer Schmuckplatte versehen. Die beiden Schmuckabdeckungen von Grundstein und Schlussstein sind auch heute noch zu sehen.

 

Das Innere der Kirche

Was die künstlerische Ausgestaltung des Innenraums von St. Leopold betrifft, wird man kaum eine vergleichbare Kirche im Wien des 20. Jahrhunderts finden. Aufgrund der Lage im Nordosten Wiens wollte man auch bei Einrichtung "des Domes drüber der Donau" besondere Akzente schaffen. Die Förderung des Kunstgewerbes und der plastischen Kunst im Kircheninneren geht auf eine Initiative des damaligen Prälaten von Klosterneuburg und späteren Erzbischof von Wien, Friedrich Gustav Piffl, zurück.

Der Hochaltar ruft durch die Monumentalisierung der Goldschmiedeplastik den Eindruck hervor, als wollte der Künstler die Wand des Reliquienschreines ins Gigantische vergrößern. Auf einem Marmorunterbau erhebt sich in einem wunderschönen Rahmen die Gruppe "Hl. Leopold und seine Gemahlin Agnes, kniend vor der Gottesmutter mit dem Jesuskind". Wie fast alle plastischen Einrichtungsgegenstände der Kirche ist auch der Hochaltar in Metalltreibarbeit hergestellt- Es ist zu bemerken, dass die großen Figuren durchwegs aus Tombak getrieben sind. Das Wort Tombak kommt aus dem Malaischen und bedeutet die vor allem in Ostasien gebräuchliche rote bis gelbe Kupfer-Zink-Legierung. Der fein ausgehämmerte Tombak ist optisch kaum von Blattgold zu unterscheiden. Die Figuren des Hochaltares wurden nach dem Modell des Bildhauers Edmund Klotz von der Wiener Werkstätte des Nikolaus Stadler bzw. seiner Nachfolger Ignaz Bergmann und Josef Peyer in Metall getrieben.

Vor Aufstellung in der Kirche wurde der Altar monatelang im Wiener Künstlerhaus zur Besichtigung ausgestellt. Aus der Werkstätte des Nikolaus Stadler stammen auch die übrigen Metalltreibarbeiten, wie der Aufbau der Seitenaltäre, der Kanzeldeckel usw. Vom Bildhauer Klotz stammt auch das wunderschöne Tabernakeltürchen des Hochaltares, "Die Brotbrechung in Emmaus" darstellend, sowie das Kreuz des Hochaltares. Weiters schuf er den figuralen Schmuck des großen siebenteiligen Lusters mit dem Ovalbild des hl. Evangelisten Johannes und Szenen aus der Geheimen Offenbarung, sowie der Darstellung der Schöpfungstage.

Eine zeitgeschichtlich sehr interessante Inschrift befindet sich am Hochaltar beiderseits des Tabernakels: LAUDEMUS NOMEN DOMINI, QUIA DE DOMO AUSTRIAE ILLUXIT - LUMEN PIETATIS, CUIUS MEMORIA A GENERATIONE IN GENERATIONEM MANET. Auf Deutsch: Lasset uns den Namen des Herrn preisen, da aus dem Haus Österreich das Licht der Frömmigkeit aufleuchtete, deren lebendige Gegenwart von Generation zu Generation andauert.

Die Pieta des linken Seitenaltares schuf Arthur Kaan. Von ihm stammen auch die Luster "Herz Jesu" und "Herz Maria" sowie der Schmerzensheiland "Ecce Homo" des Heiligengrabaltares, ebenso drei der Hauptreliefs der Kanzel und zwar die Heiligen Severin, Canisius und Marco d'Aviano. Vom Wiener Künster Alexander Illitsch stammt der rechte Seitenaltar "Die heilige Familie auf der Flucht nach Ägypten". Er schuf auch noch das Tabernakeltürchen mit einer Treibarbeit des "Guten Hirten", weiters die Kanzel, ebenfalls in Tombakverkleidung, und drei weitere Reliefs der Kanzelbrüstung: St. Floridus, St. Capistranus und St. Koloman. Er zeichnet auch verantwortlich für die vierzehn Reliefs der Kreuzwegstationen. Vom bereits erwähnten Arthur Kaan stammt auch die Figurengruppe des linken Seitenaltares mit der Darstellung des Opfers Abrahams auf dem Tabernakeltürchen.

Der von vornehmer Einfachheit zeugende Taufstein vor dem Familienaltar wurde von den Architekten Troll und Stoppel entworfen und trägt die Inschrift: "Durch das Wasser der Taufe geschieht der Übergang vom Irdischen zum Himmlischen".

Vom künstlerischen Standpunkt bietet das Innere von St. Leopold ein Gesamtkunstwerk, zu dem namhafte Jugendstilkünstler wie der Kupfergraveur Nikolaus Stadler sowie die Künstler Bergmann und Peyer ornamentale Treib- und Metall arbeiten lieferten. Nicht unerwähnt bleiben soll der Gürtlermeister Franz Pavlass sowie die Ew. Schwestern "Töchter des göttlichen Heilandes" in Wien 7, die die stofflichen Paramente nach den Zeichnungen der Innenarchitekten anfertigten.

Im Jahr 1939 wurde an dem der Kanzel gegenüberstehenden Rundpfeiler ein neugotischer Steinaltar mit einer Kreuzigungsgruppe errichtet (Vergleiche das Kapitel "Kleine Historie von St. Leopold"). Damit war die Absicht verbunden, die Gläubigen näher zum Altar zu bringen, damit sie die hl.Messe besser verfolgen konnten. Seit dem zweiten Weltkrieg wird im Tabernakel, dessen Pyramidendach von einer Pelikandarstellung gekrönt wird (der Pelikan nährt mit seinem Herzblut die Jungen und stellt somit ein wunderschönes Symbol des christlichen Glaubens dar) ständig das Allerheiligste aufbewahrt.

Im Jahr 1960 wurde im linken Seitenschiff der Kirche von der Firma Babitzky aus Retz unter Verwendung des bereits bestehenden Missionskreuzes ein Kriegerdenkmal errichtet, das am 23. Oktober des gleichen Jahres von Generalabt Koberger eingeweiht wurde.

Die naturalistische Gestaltung der Lourdesgrotte wurde bereits im Jahr 1928 vorgenommen. Vorbei an den Statuetten der Heiligen Antonius, Theresia vom Kinde Jesu, Clemens Maria Hofbauer und Judas Thaddäus kommt man zur "Ecce Homo-Nische" mit der bemerkenswerten Metallskulptur des Schmerzensheilandes.

 

Die Orgel

Die Donaufelder Pfarrkirche besitzt eine der interessantesten Orgeln von Wien. Sie wurde im Zuge des Kirchenbaues um das Jahr 1910 von der Wiener Orgelbaufirma Franz Josef Swoboda gebaut und ist die größte noch spielbare im Originalzustand belassene ,,Swoboda-Orgel" in Österreich. Bei dem Orgelwerk handelt es sich um ein Werk mit rein pneumatischer Traktur Diese Form der Orgelbauweise mit Röhrenpneumatik kam erst relativ spät, nämlich zum Ende des 19. Jahrhunderts, auf Die Röhrenpneumatik ermöglichte es, sehr große Orgeln derart zu bauen, dass die Tasten auch bei vollem Werk ohne Kraftanwendung leicht niederzudrücken waren. Das Grundprinzip einer pneumatischen Traktur besteht darin, dass die Luft, die durch die Pfeifen streicht und sie zum Klingen bringt (man spricht in diesem Zusammenhang vom ,,Orgelwind") auch dazu benutzt wird, die Verbindung zwischen der Taste am Spieltisch und dem jeweiligen Pfeifenventil herzustellen. Drückt der Organist die Taste nieder, wird der Wind vom Spieltisch über Röhren zu kleinen Bälgen geleitet, die sich mit Luft füllen und je ein Ventil aufdrücken. Durch das geöffnete Ventil kann der Orgelwind in die zur Taste gehörende Pfeife strömen. Der Nachteil der Röhrenpneumatik besteht darin, dass die Luft eine gewisse Zeit benötigt, um über die Röhren zu den kleinen Bälgen zu gelangen und dass daher zwischen Tastendruck und Ventilöffnung bzw. Erklingen der Pfeifen für den Organisten eine unangenehme Zeitverzögerung eintritt. Das ist auch der Grund, dass man heute keine pneumatischen Orgeln mehr baut.

Disposition der Orgel von St. Leopold

Hauptwerk Nebenwerk Pedal
Trompete 8' Progrharm 2 2/3' Sopran 4'
Bordun 16' Prästant 4' Oktavbaß 8'
Principal 8' Flauto amabile 4' Cello 8'
Gamba 8' Vox celeste 8' Quintbaß 10 2/3'
Salicional 8' Aeoline 8' Kontrabaß 16'
Gedeckt 8' Lieblich gedeckt 8' Violon 16'
Soloflöte 4' Geigenprincipal 8' Subbaß 16'
Oktav 4' Quintatön 16' Posaune 16'
Quinte 2 2/3' Basson Oboe 8'
Superoktav 2' Mixtur 2 2/3'

Neben diesen 28 klingenden Registern besitzt die Orgel einige Spielhilfen: 10 Registerkombinationen (z.B. Flötenchor, Geigenchor, Mezzoforte, Forte), 19 Registerkoppeln (Manual-, Pedal- und Oktavkoppeln) und einen Rollschweller (eine Walze, die der Organist mit den Füßen drehen kann. Dabei werden nacheinander bestimmte Register eingeschaltet. Das erweckt den Eindruck eines allmählich anschwellenden Orgelklanges.).

Insgesamt 1940 Pfeifen sind in der Orgel eingebaut. Die kleinste Pfeife (in der Superoktav) misst ca. 10 cm, die größte (im Kontrabass) ca. 9 Meter. Die, wie bereits erwähnt, 1910 erbaute Kirchenorgel wurde durch die sogenannten Kongressrichtlinien leicht geschärft und obertönig gestimmt. Die Orgel ist als Klangdenkmal anzusehen und wurde bisher klangmäßig nicht verändert. Neben der technisch soliden Ausführung ist auch die Kunst nicht zu kurz gekommen: der Spieltisch aus Eichenholz ist beiderseits von je einem geschnitzten Weinstock gestützt. Geschnitzte Weinornamente finden sich auch auf dem Orgelprospekt, der das gotische Dreipassmotiv des Hochaltares und der beiden Seitenaltäre widerspiegelt. Den Prospekt zieren ebenfalls reliefartige Plastiken: Musizierende Engel und in der Mitte eine Figurengruppe "Die heilige Cäcilia und zwei kniende Engel", in der gleichen dreiecksförmigen Anordnung wie die Hauptaltarfiguren.

Im Jahr 1936 wurde die Orgel modernisiert und zwar in der Weise, dass ein elektrisches Gebläse eingebaut wurde. Bis zu diesem Zeitpunkt mussten jeweils zwei Männer durch Balgtreten für den nötigen Orgelwind sorgen. Wenn der Organist zum Weiterspielen wieder Orgelwind brauchte, musste er die Balgtreter vom Orgeltisch mit einer eigenen Glocke rufen, um ihnen anzuzeigen, dass er sie wieder brauchte. Vom "Musiker Gottes", dem genialen Komponisten Anton Bruckner, sagt man, dass er bisweilen mit dem Orgelbuch nach den eingeschlafenen Balgtretern werfen musste: derartiges konnte aufgrund der obigen Einrichtung in Donaufeld nicht vorkommen.

Im Jahr 1955 wurde die Orgel von der Firma Molzer generalüberholt und ein Jahr später mussten Spieltisch, Magazin und Bälge von der Firma P. Eppel neu beledert werden. Ein neues Gebläse erhielt die Orgel im Jahr 1970 und zwar durch die Firma Kaufmann, das sich allerdings leider als zu schwach erwies.

Der langjährige Organist der Donaufelder Orgel, der das Instrument mehr als 30 Jahre betreute und 1990 verstarb, Günther Steinmetz, hat mit seinem Vorgänger, Karl Pindur, eigenhändig an die 900 defekte Ventilbälge mit neuem Leder überzogen. Diese aufwendigen Reparatur - und Betreuungsarbeiten an Orgeln müssen heute nicht mehr durchgeführt werden. Man geht ihnen dadurch aus dem Weg, dass man sie durch billigere elektrische Anlagen oder durch Orgeln mit mechanischer Traktur ersetzt. Durch dieses Ausweichen auf bequemere und billigere Lösungen ist die Donaufelder ,,Swoboda-Orgel" zu einem Unikat in ganz Österreich geworden.

 

Eine kleine Historie über die Pfarrkirche

Wie in vielen Kirchen Wiens gibt es zu St. Leopold auch noch kleine Geschichtchen und Historien zur offiziellen Geschichte, die oft nicht in den bekannten Annalen aufscheinen, sondern nur von Mund zu Mund weitergegeben werden. Der folgende Beitrag ist solch ein Teil einer mündlichen Überlieferung, ergänzt mit Zahlen und Daten aus der Pfarrchronik und aus anderen Quellen.

Vom ursprünglichen Plan der Kirche als Bischofssitz zeigen sich heute noch Relikte im Altarraum: der Thronsessel vor dem Altar und die beiden Oratorien mit den Schiebefenstern. Die Schiebefenster sollten dazu dienen, dass Personen, die sich in den Oratorien aufhielten, ebenfalls am Gottesdienst teilnehmen konnten. Derartige Einrichtungen finden wir heute auch noch in den Kirchen der deutschen Romanik und Gotik. Die Bänke, die ursprünglich für die Oratorien vorgesehen waren und in den ersten Jahren dort ihren Platz fanden, befinden sich heute in der Kapelle. Der Thronsessel hatte bis 1964, als die hl. Messe noch vor dem Hochaltar gelesen wurde, seine fixe Funktion für die Geistlichkeit.

Leider ist von der Pracht der Fenster, wie sie noch vor dem Ausbruch des zweiten Weltkriegs die Gläubigen erfreute, fast nichts mehr erhalten. Die Fenster im Altarraum wurden durch die Bombeneinwirkungen fast alle beschädigt.

Das Doppelfenster hinter dem Hochaltar, darstellend den heiligen Leopold und seine Gemahlin Agnes, ist das einzige noch erhaltene Fenster der Kirche. Es befand sich mit anderen leider nicht mehr erhaltenen Fenstern früher an der linken Seite im Altarraum, wo jetzt noch die Rosette in ihrer ursprünglichen Form vorhanden ist, allerdings nicht mehr im Original. Auch nicht mehr original sind die übrigen Fenster, die durch anonyme Stifter finanziert wurden. Daneben gibt es jedoch auch Fenster, die namentlich und datumsmäßig den Stifter erkennen lassen. So wurde das zweite Fenster von links von Dipl.-lng. Richard Schicht und Margarete Schicht im Jahr 1954 zum vierzigjährigen Bestandsjubiläum der Kirche gestiftet. Ebenso wurde das zweite Fenster von rechts im gleichen Jahr von den Gärtnern aus Donaufeld gestiftet.

Die Fenster der Seitenschiffe wurden ebenfalls durch Kriegseinwirkungen zerstört und konnten erst im Jahre 1964 von Pfarrer Leander wieder in den ursprünglichen Zustand versetzt werden. Dabei wurden die vorhandenen Originalbutzenscheiben von den Fenstern der Oratorien und Türme herausgenommen und anstelle von zerstörten Scheiben in den Fenstern der Seitenschiffe angebracht. Für ein Fenster blieben allerdings keine Butzenscheiben mehr übrig, so dass man es um teures Geld aus böhmischem Glas im Ausland fertigen lassen musste. Dieses Fenster befindet sich im Seitenschiff oberhalb des Taufbrunnens. Die Außenfenster in den Oratorien, dem Hauptturm und den vier Seitentürmen aus denen man die Butzenscheiben entnommen hatte, wurden mit Scheiben aus Kathedralglas eingeglast.

Ursprünglich wurde am Hochaltar die heilige Messe an Sonntagen um 6.30Uhr, 8 Uhr und 9 Uhr zelebriert. Die Kindermesse um 10 Uhr war am Sakramentsaltar. Dieser Sakramentsaltar gehörte allerdings nicht zur ursprünglichen Ausstattung der Kirche. Er stammt aus dem Akademischen Gymnasium in Wien 1 und wurde im Jahr 1940 aufgestellt. Da man aber der Meinung war, dass dieser Altar das ursprüngliche "Bild" der Kirche störe, sollte er in der Folge wieder abgetragen werden. Da jedoch die Kosten der Abtragung mit S 30.000.-S veranlagt waren, nahm man wieder Abstand davon. Im Falle der Abtragung wäre der Sakramentsaltar in das Stift Klosterneuburg verbracht worden.

Vor dem Altarraum befinden sich auf der linken und rechten Seite Notausgänge. Diese waren ursprünglich beim Bau der Kirche nicht vorgesehen, mussten aber nach der Kommissionierung nachträglich angebracht werden. Es hatte sich nämlich herausgestellt, dass für den Fassungsraum der Kirche zu wenig Ausgänge vorhanden waren.

Kehren wir noch einmal zur Kriegszeit zurück: die Kirche erhielt an sich keine Bombentreffer, allerdings wurde das Dach durch Splitter schwer beschädigt, ebenso die Außenmauern. Die letzteren Beschädigungen sind heute noch zum Teil sichtbar. Es grenzt an ein Wunder, dass sich innerhalb der Kirche auf Grund der schweren Erschütterungen durch den Bombenhagel kaum Risse im Gewölbe und an den Säulen zeigten. Weist doch das Mittelschiff immerhin eine lichte Höhe von 18 m auf - das entspricht einem vierstöckigen Haus mit Dachterrasse.

Die Statue der heiligen Theresia wurde 1936 von Pfarrer Leander Marschall aufgestellt. Eine Verehrerin der heiligen Theresia aus Meidling hatte sie bezahlt.

In den ersten Jahren wurde auf der rechten Seite ein Herz-Jesu Altar eingerichtet, allerdings nur mit kriegsbedingtem Baumaterial, d.h. in Kistenform aus alten Sperrholzplatten, die extreme Brandgefahr bildeten. Aus Gründen der Sicherheit wurde daher der Altar von Pfarrer Leander entfernt. Die einzige Originalstatue aus der Gründerzeit ist die Ecce Homo Statue gegenüber der Lourdesgrotte. Die beiden anderen Heiligenstatuen Judas Thaddäus und Antonius von Padua kamen später dazu. Sie waren ursprünglich färbig und wurden in der Folge bronziert, um zu der Ecce Homo Statue dazuzupassen. Dies war allerdings kein Anliegen der Kirche, sondern geschah über Auftrag des Bundesdenkmalamtes. Die kleine Clemens Maria Hofbauer Statue wurde vom Kaufmann Wessely vom Kaufhaus Wodicka (bis vor kurzem ein Gemischtwarengeschäft Ecke Kinzerplatz - Scheffelstraße) gestiftet.

Die Lourdesgrotte in ihrem heutigen Zustand wurde im Jahre 1926 errichtet. Die Malereien links und rechts vom Haupteingang stellen ein weiteres Zeugnis der Originalität der ersten Stunde von St. Leopold dar. Ursprünglich war gedacht, an der linken Seite eine Mariengedenkstätte zu errichten. Aber erst 1926 wurde aufgrund der Intentionen einer Marianischen Kongregation das Vorhaben in die Tat umgesetzt (Männer-, Mädchen- und Frauenkongregation).

Das Kreuz beim Kriegerdenkmal stammt aus dem Jahr 1919, das Kriegerdenkmal selbst wurde in der heutigen Form im Jahre 1960 errichtet. Das Denkmal ist als Gedenkstätte für die Toten der beiden Kriege zu verstehen. Allerdings stammen die Namen der Toten nur aus dem 2.Weltkrieg. Nach dem 2. Weltkrieg war ursprünglich ein Holzverbau bestehend aus Nachtkästchenteilen, wie man sie aus den zerbombten Wohnungen herbeigebracht hatte, aufgestellt worden, wo die Witwen und Angehörigen der Toten Bilder der Gefallenen angebracht hatten. Dieser Holzverbau, auf dem man neben den Bildern auch Öllichter und Kerzen aufgestellt hatte, brannte eines Tages ab. Pfarrer Leander ließ danach die Bilder unter einer Glasplatte fassen und die Holzteile entfernen. Später entschloss man sich, ein dauerhaftes Denkmal zu errichten und versuchte, den für das Jahr 1960 enormen Betrag in der Höhe von S 38.000,- dadurch zu minimieren, dass man die Angehörigen um einen Zuschuss in der Höhe von S 150,- für die Eintragung der Totennamen ersuchte. Wer sich diesen Betrag nicht leisten konnte, wurde ebenfalls berücksichtigt.

Der Ambo im Altarraum stammt aus der Zeit nach dem zweiten Vatikanum und wurde aus einem Beichtstuhl in der Kapelle gefertigt und im Zuge der Umgestaltung des Altarraumes im Jahre 1985 geändert.

Der wunderschöne Luster vor dem Hauptaltar ist durch eine komplizierte Winde absenkbar, die jedoch seit einiger Zeit eingerostet ist. Unter entprechendem Kostenaufwand wäre diese funktionstüchtig zu machen. Bis vor ca. 10 Jahren wurde der Luster regelmäßig zu Reinigungszwecken herabgelassen und wieder von Hand aus hinaufgekurbelt. Der Luster hat ein Gewicht von ungefähr 300 kg.

Sämtliche Altäre sind Ziegelaltäre und mit Marmor verkleidet, ausgenommen der bereits erwähnte Sakramentsaltar, der aus Untersberger Marmor gefertigt ist.

Eine Gasbeheizung für die Nebenräume der Kirche war baumäßig bereits vorgesehen. Ein Gaskamin für die Beheizung wurde in der Sakristei, in der Kapelle und im Leopoldisaal errichtet. Die Rauchfänge gingen über das Dach der beiden Seitendächer, wurden aber bei der Neueindeckung des Daches entfernt. Im Kirchenschiff standen beidseitig der Bankreihen 6 Gaskandelaber und 4 Kandelaber beim Chorgestühl zur Beleuchtung. In der Apsis befinden sich heute noch links und rechts über dem Kommuniongitter zwei originale dreiarmige Gasleuchter, die nunmehr elektrisch beleuchtet werden. Als vor einigen Jahren bei Rohrarbeiten am Kinzerplatz von einer Baumaschine das Gasrohr beschädigt wurde, wurde von der Gemeinde Wien beanstandet, dass es sich bei den die Kirche versorgenden Gasrohren um uraltes Material handle. Wollte man die Kirchenbeheizung durch Gas weiter aufrecht erhalten, hätten diese Rohre neu verlegt werden müssen. In Anbetracht der veranschlagten Kosten von S 93.000,- wurde davon Abstand genommen und die Gasheizung eingestellt.

Im ersten Stockwerk der Kirche befinden sich über der Kapelle bzw. über der Sakristei die eingangs genannten Oratorien. Der auf der linken Seite gelegene nunmehr ,,Leopoldisaal" genannte ehemalige Kongregationssaal wird derzeit für Gruppenstunden, Messen usw. verwendet. In der Zeit von 1920 bis 1936 wurde dieser Saal auch für Veranstaltungen von Studentenverbindungen benutzt.

Besonders erfreut uns heute der Ruf der Glocken von St. Leopold, der uns nicht nur zur Messe ruft, sondern auch tagsüber die Stunden ankündigt. Die Kirche hatte ursprünglich 6 Glocken. Im Laufe des ersten Weltkrieges, im Jahr 1916, wurden die Glocken entfernt und für Kriegsmaterial eingeschmolzen. Doch am 31.12.1920 wurden 2 neue Glocken geweiht. Pfarrer Leander fand anlässlich der Übernahme der Pfarre im Jahre 1935 einen Glockenfonds vor, der die Grundlage für die Anschaffung von 4 neuen Glocken im Jahre 1936 bildete. Allerdings blieben die neuen Glocken nur kurze Zeit im Turm, denn 1942 wurden fünf Glocken auf Befehl des Wehrkreiskommandos abmontiert und folgten dem Schicksal ihrer Vorgängerinnen im 1.Weltkrieg. Zur neuerlichen Anschaffung von Glocken kam es erst wieder im Jahr 1951. Die einzige Glocke, die in der Kirche verblieben war, war die Sterbeglocke. Sie wog 150 kg. Sie blieb allerdings nicht unversehrt, sie erhielt durch Kriegseinwirkungen einen Sprung und wurde zwecks Erhaltung des Klanges angebohrt. Die Reparatur war jedoch unzulänglich, so dass die Glocke im Jahr 1951 ausgetauscht wurde. Für diese Glocke, die Marienglocke, spendete Frau Poppenwimmer Buntmetall, die Gusskosten bezahlte die Pfarre. Im Jahre 1958 wurden 3 weitere Glocken, die Leopoldiglocke, die Katharinenglocke und die Kriegerglocke aus Spenden der Bevölkerung angeschafft. Beim Austausch und bei der Neuanschaffung wurde ausschließlich auf Pfarrmittel und Spenden gegriffen. Vom Stift Klosterneuburg wurde hiezu kein Beitrag geleistet. Das heutige Geläute hat ein Gesamtgewicht von ca. 4000 kg. Da 1958 der Glockenfonds höher war als die Anschaffung der Glocken kostete, wurde vom restlichen Betrag das Dach des Pfarrhofes instand gesetzt und der Kirchturm, dem man 1916 das Kupferdach für Kriegszwecke abmontiert hatte, neu gestrichen. Die Glocken wurden im Inneren des Turmes aufgezogen. Dabei wurde das untere Turmgewölbe aufgestemmt. In den oberen Etagen befinden sich im Turm mit Holz abgedeckte Öffnungen, die dabei aufgeklappt wurden.

Zur Beflaggung des Kirchturms bei besonderen Anlässen wie Erstkommunion, Firmungen usw. wurde 1988 eine Kirchenfahne angeschafft, die vom untersten Balkon bis zum Eingang reicht. 27 m2 Stoff waren dafür notwendig. Bei der ersten Beflaggung gab es jedoch Fehlschläge, da der Kirchturm Regen und Wind extrem ausgesetzt ist und gerade an diesem Tage Schlechtwetter herrschte. Die Firma Ing. Lambert fertigte kostenlos eine 5 Meter lange Fahnenstange mit eigener Aufhänge- und Befestigungseinrichtung an. Darauf hin gab es keine Probleme mehr.

Die kleine elektrische Orgel neben der Kirchenkanzel wurde anlässlich der Silbernen Hochzeit des Ehepaares Szalony von diesen, bzw. aus Geldspenden anstelle von Blumenspenden, gestiftet.

Anlässlich der Goldenen Hochzeit eines ungenannt bleibenden Ehepaares aus der Pfarrgemeinde stiftete dieses im Jahre 1988 einen Beitrag für die Kupferblechverkleidung der beiden Turmaufgangstüren, der Sakristei- und der Kapellentüre. Diese Türen waren vollkommen verwittert. Eine Neuanschaffung in vollem Holz hätte pro Türe mindestens S 30.000,-gekostet.

Pfarrer Theoderich äußerte sich im Jahr 1977 anlässlich der Frage der Neueindeckung des gesamten Kirchendaches (Fläche ca. 3000m2): ,,Ein halbes Joch Weingarten ist sicher eine schöne Sache, aber ein halbes Joch Dachfläche bringt viele Sorgen".

Dank der Mithilfe von vielen ungenannten Gemeindemitgliedern z.B. für die Kirchenreinigung und die Betreuung des Blumenschmuckes in der Kirche, wurden und werden die kleinen und auch die größeren Probleme gemeistert (Siehe auch das Kapitel "Die Orgel"). Doch soll an dieser Stelle z.B. Herr Königsbauer nicht unerwähnt bleiben: denn wenn ein Wasserhahn tropft, eine Lichtleitung kaputt ist oder ein Türschloss klemmt, der Genannte behebt in kürzester Zeit den Schaden und tut dies nun bereits über 20 Jahre lang in seiner Freizeit.

Dass man oft einen ungewohnten Weg gehen muss, beweist die Tatsache, dass Privatinitiative oft kostensparend sein kann: im Jahr 1939 wurde im Dorotheum beim Schlingermarkt eine Monstranz sowie ein Speisekelch und zwei hölzerne Kerzenständer, die noch heute in Verwendung stehen, erstanden.

Gleichzeitig mit dem Kirchenbau wurde am später als Kinzerplatz benannten Kirchenplatz mit dem Bau eines Pfarrhofes begonnen. Die kreisbogenartige Außenfassade des neuen Pfarrhofes erinnert an ausgebreitete Hände. Über dem mit Kupferblech ausgelegten Eingangstor befindet sich eine Darstellung der hl. Maria mit dem Spruch ,,Pax intrantibus" (Friede den Eintretenden). Laut den Bauplänen waren im Erdgeschoß links eine dreiräumige Mesnerwohnung und zwei Räume für einen Kirchendiener vorgesehen. Rechts war Platz für die Pfarrkanzlei, das Pfarrerbüro und den Paramente- und Archivraum. Im ersten Stock waren die Privatzimmmer, ein Arbeitszimmer, ein Sprechzimmer und ein Speisezimmer, sowie die Küche für den Pfarrer gewidmet. Zusätzlich gab es noch je ein Zimmer für eine Haushälterin und einen Dienstboten. Im 2. Stock wurden 5 Kooperatorenwohnungen mit je 2 Räumen errichtet. Interessant ist die bauliche Ausführung im Hinblick auf die gesellschaftliche Stellung der Bewohner die Pfarrerwohnung hat eine Raumhöhe von 4.10 m, die der Kooperatoren von 3.55 m. Für den Kirchendiener, für die Pfarrkanzlei und für den Dienstboten waren eiserne Öfen, für alle übrigen Räume Kachelöfen planlich vorgesehen.

Räume für Seelsorgestunden oder Kommunikationsräume waren nicht geplant und entsprachen auch nicht dem Zeitgeist. Die heutige Innenraumverteilung der Kommunikations- und Gruppenräume entwickelte sich erst in den letzten 15 Jahren.

 

Quellenangabe

Hans Smital, Chronik von Floridsdorf - Geschichte der Großgemeinde Floridsdorf, 1903

Unser schönes Floridsdorf Donaufeld, Heft 2 und 3/1981, Blätter des Museumsvereines Floridsdorf

Raimund Hinkel: Floridsdorf

Persönliche Erinnerungen von Hermann Köstler, Wien 21

Prof Franz Polly: Floridsdorfer Spaziergänge

Pfarrchronik von St. Leopold von 1914 bis heute

Stiftsarchiv Augustiner Chorherrenstift Klosterneuburg

Dr. Peter Soukup: Pfarrblatt 2/1989 - 75 Jahre St. Leopold

Dr. Peter Soukup: Die Kathedrale war schon geplant, Niederösterreichische Wirtschaft, Nr. 33/1985